Ray Cokes: Gefühle kann man nicht bei Spotify kaufen

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Ray Cokes ist wohl der berühmteste Moderator des Musiksenders MTV. Jeder Teenager vergötterte in den 1990er Jahren seine Sendung „Most Wanted“ – eine der erfolgreichsten Fernsehsendungen Europas mit zeitweise 60 Millionen Zuschauern in 38 Ländern. Zu den Musikwünschen der dienstags bis freitags live ausgestrahlten Sendung kamen prominente Gäste und diverse Spiele. Dafür traf ich Ray Cokes beim „Reeperbahn Festival“ im ARCOTEL Onyx Hamburg, um über Chancen von Social-Media-Kanälen, über die Bedeutung von Live-Konzerten und am Ende auch über die Inhaltslosigkeit des Hipstertums zu sprechen.

MTV-Legende RAY COKES /© Moritz Thau
MTV-Legende RAY COKES /© Moritz Thau

Bei den mehr als 150 Fachkonferenzen des „Reeperbahn Festival“ steht der Einfluss von Online-Portalen, wie Spotify, Facebook oder iTunes, im Mittelpunkt vieler Diskussionen von Produzenten, Künstlern und Labels. Die Vermarktung von Musik hat sich in den vergangenen Jahren stark in eine Selfmade-Industrie gewandelt. Fan-Zahlen und Follower bestimmen den Erf olg. Oder?

10-Minuten-Ruhm der Castingshows

Viele 18- bis 25-Jährige haben nur ein Ziel: Berühmt zu werden, erklärt der Brite. Und das gehe heutzutage sehr schnell, zum Beispiel bei Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „X Factor“.

„Ja, es ist für junge Künstler einfacher, die Tür zum Erfolg zu öffnen“, bestätigt Cokes. Innerhalb von Minuten erreichen sie Millionen von Fans, aber zehn Minuten später schlägt die Tür zu und der Künstler sitzt wieder in seinem normalen Alltagsleben. Immer wieder sagen ihm junge Leute: „Ich will einfach nur berühmt werden.“ Es geht dabei nicht um Inhalte, Interessen und Talente. Es geht um die Anzahl der Follower, um das Berühmtsein an sich.

Hipster-Trend: alles fürs Posing

Eine ähnliche inhaltliche Leere trifft man bei den Hipstern: Außer Tattoos und langen Vollbärten transportieren sie keine Botschaften. Sie sehen aus wie Hippies, aber während Hippies aus Überzeugung für Meinungen standen und ein Zeichen gegen Gewalt und Krieg setzen wollten oder Punks für Kreativität und Zerstörung standen, steht bei Hipstern keine tiefere Überzeugung entgegen. Cokes findet: “Der Sinn des Hipsters ist das Posing!“

Diamantensuche im Netz

„Nichtsdestotrotz erleichtert das Internet guten Künstlern den Weg zum Label. Während früher Produzenten in die Clubs gingen, treffen sie heute ihre erste Auswahl im Netz. Das erleichtert Künstlern, entdeckt zu werden, da sie sofort online gehen können“, so Cokes. „Dafür müssen die Labels allerdings intensiv suchen, denn 99 Prozent Shit steht nur 1 Prozent brauchbarer Diamanten gegenüber!“

Talentschmiede: Reeperbahn Festival

Doch eines kann das Netz mit seinen zahlreichen Streaming-Diensten nicht ersetzen. Cokes weiß: „Wenn du touren kannst, hast du was, was dir niemand stehlen kann – du kannst Gefühle vermitteln, die bei Spotify nicht zu kaufen sind. Ob happy, sexy, horny, crazy oder depressiv: Das Gefühl bei Konzerten kann niemand bezahlen.“ Es gab noch nie so viele Festivals wie derzeit. Und dabei lieben Bands, auf Festivals zu spielen, weil es einfach Spaß macht, mit anderen Musikern backstage abzuhängen.

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„Das ’Reeperbahn Festival’ ist zum Beispiel ein einzigartiges Festspiel. Viele Musiker fragen an, ob sie spielen können. Zum einen ist die Stimmung in Hamburg super, zum anderen liegen die Clubs alle nahe beieinander. Wenn dir was gefällt, gehst du rein und hörst dir die Band an – oder eben auch nicht. Und Bands, die bisher vor 20 Leuten gespielt haben, spielen plötzlich vor 500, wie zum Beispiel im Docks“, ist Cokes vom Konzept des Festivals begeistert.

Und in welchem Hotel schläft Ray Cokes am liebsten?

Es geht nicht um die Ausstattung, das Wichtigste ist, sich willkommen zu fühlen und nicht nur eine Nummer zu sein. Und wenn er ins ARCOTEL Onyx kommt und ihn das Personal fragt, wie es ihm geht, weiß er: Er ist Teil einer Familie. Aber, so beenden wir lachend das Interview, nächstes Mal will er einen Jacuzzi im Zimmer haben.

 

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